Karenz ist eine Lebenseinkommensfrage

Veröffentlicht am 19. Februar 2026 um 10:27

Eine Untersuchung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zeigt (Überraschung!) deutliche Geschlechterunterschiede bei der Elternkarenz:
Mütter nehmen nach der ersten Geburt durchschnittlich 416 Tage Karenz, Väter lediglich 9 Tage.

Diese Unterschiede bestehen unabhängig von Bildung, Migrationshintergrund oder Wohnort.

Laut Studienautorin Claudia Reiter vom Institut für Demographie ist Elternkarenz in Österreich faktisch „Müttersache“ und selbst kurze Karenzzeiten von Männern gelten gesellschaftlich als „außergewöhnlich“.

Was dabei oft übersehen wird, dieses Muster entsteht nicht zufällig.
Es ist das Ergebnis politischer Lenkungseffekte, obwohl in Österreich gerne von „Freiwilligkeit“ gesprochen wird.

Am Ende dominieren zwei Kräfte die Entscheidung der Paare: Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern und gesellschaftliche Normen.

Länder wie Schweden zeigen, dass weder Familien noch Volkswirtschaften kollabieren, wenn Väterkarenz strukturell verankert ist.

Dort verliert die Familie weniger Einkommen, egal ob Mutter oder Vater zuhause bleibt. Und die Väterkarenz gilt als normal, ist gesellschaftlich wie wirtschaftlich anerkannt.

Was mir in diesen Debatten oft fehlt, ist die Perspektive über die Karenzzeit hinaus. Nicht nur das kurzfristige Familieneinkommen in dieser Zeit zählt, sondern das Lebenseinkommen der Familie und der Elternteile.

Denn bei dieser Betrachtung wird sichtbar:

Das österreichische Modell funktioniert nur deshalb, weil die Familien eine unsichtbare Hypothek auf das Lebenseinkommen der Frau aufnehmen. Bei Trennung oder Scheidung bleibt die Frau dann häufig alleine auf dieser Hypothek sitzen.

Mütter „schenken“ den Vätern bis zu 1 Mio Lebenseinkommen, dies wissen wir aus anderen Erhebungen.

Die kurzfristige Rechnung der Familien klingt oft harmlos:

„500 Euro Unterschied pro Monat, wenn der Vater statt der Mutter in Karenz geht.“

Die langfristige Rechnung ist es nicht, denn die Karriereunterbrechungen bedeuten für Frauen eine langsamere Gehaltsentwicklung, schlechtere Verhandlungspositionen und geringere Aufstiegschancen.

Und diese Effekte starten sofort, nicht erst bei der Pension.

Schon nach wenigen Jahren entstehen Einkommensnachteile, die sich über Jahrzehnte summieren.

Die damit verbundenen Risiken für die Mütter sind ebenso gut dokumentiert:

finanzielle Abhängigkeit und damit verbunden erhöhtes Risiko für Partnergewalt in der Beziehung
erhöhtes Armutsrisiko bei Trennung, auch für das Kind
höheres Risiko für Altersarmut
strukturelle Verwundbarkeit

Kurzfristig betrachtet läuft für die Familien also alles stabil, wenn die Frau das Hauptrisiko der Karenz übernimmt.

Langfristig ist diese Entscheidung jedoch wie eine unsichtbare Hypothek auf ihr Einkommen.

Sie unterschreibt dafür nichts, kriegt keine Risikoaufklärung, zahlt aber im Fall der Fälle trotzdem. Und die Einkommensschäden der Frau starten sofort, nicht erst bei der Pension. Schon nach 2 Jahren erfährt sie eine langsamere Gehaltsentwicklung, hat sie eine schlechtere Verhandlungsbasis und meist wenig Optionen für Stundenaufstockungen.

Der Effekt beginnt also kurzfristig und summiert sich über die Jahre.

Die Risiken für die Frau sind bekannt:
Armut bei Trennung, finanzielle Abhängigkeit in der Beziehung, ein Einfalltor für häusliche Gewalt wie wir wissen und Altersarmut.

Für den Mann läuft alles weiter wie vor dem Kind in Bezug auf Einkommen, Karrierewege, Altersabsicherung.

Was werdende Eltern, oder Paare besser noch generell bei Kinderwunsch, also wirklich diskutieren müssen, sind diese Risikoaspekte.

Karenz ist keine reine Betreuungsentscheidung.
Sie ist auch eine Entscheidung über zukünftiges Einkommen, über Risikostreuung und die finanzielle Absicherung als Paar oder einzeln im Alter.

Fair play denkt alles mit.

Und wer sich über mangelnden Kinderwunsch bei jungen Frauen aufregt, hier liegt der Schlüssel.

B

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.