Menschenrechte unterstützen ja, aber bitte ohne die Rechte von Frauen.
Was mir immer wieder auffällt, in den Kommentaren zu meinen Beiträgen, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit ein bis zwei Männerkommentare auftauchen, die offenlegen, dass entweder Null Basiswissen zu grundlegenden strukturellen Ungleichbehandlungen von Frauen in unserer Gesellschaft da ist.
Oder diese einfach geleugnet werden.
Da ich meine Moderationsrolle auf meinem account sehr ernst nehme und auch versuche den Menschen hinter diesen Kommentaren zu verstehen sehe ich mir regelmäßig deren Profile an.
Was dabei auffällt, es sind oft auch progressive Männer, die sich sonst auch positionieren gegen die Klimakrise, Menschenrechtsverletzungen im Iran, der USA und in vielen Themen meine Haltungen wiederspiegeln.
Sie sind empört über das Unrecht in der Welt, über Diktaturen, über Krieg, über Unterdrückung. Sie posten dazu Solidaritätbeiträge, unterschreiben Petitionen, diskutieren engagiert über Freiheit und Würde.
Nur beim Thema Frauen und Gleichstellung, da steigen sie aus.
Scheinbar werden Frauenrechte hier nicht als Menschenrechte wahrgenommen. Hier kippt dann der Ton, hier wird dann aus Mitgefühl plötzlich Skepsis und statt möglicher männlicher Solidarität kommt eine spürbare Distanz in die Kommentare.
Aus „Wir müssen hinschauen“ wird plötzlich „So schlimm ist es doch nicht“.
Was mich immer wieder irritiert.
So als ob Frauenrechte in eine andere Kategorie von Menschenrechte fallen würden.
Als wären die Anliegen der Frauen wie gleicher Lohn, Aufteilung der unbezahlten Carearbeit,… weniger dringend, weniger politisch, weniger real.
Plötzlich geht es hier nicht mehr um Menschenrechte, sondern es wird als zu übertrieben, zu ideologisch, zu laut, sogar als die Wirklichkeit verleumdend dargestellt.
So als ginge es um nur um persönliche Befindlichkeiten und Behauptungen von Frauen.
Wenn mit Fakten argumentiert wird, Statistik Austria und andere Quellen benannt werden, dann wird das ignoriert und/oder ausgewichen, eine weitere „Scheinbehauptung“ Frauen seien eh schon gleichberechtigt reingehauen.
Und falls doch nicht, dann seien sie selbst schuld, weil falsche Berufswahl, falsche Männerwahl, eben selbstgewählte Opfer.
Offensichtlich gebildetet Männer, die selbständig sind, Führungsfunktionen haben und dennoch öffentlich behaupten der Gender Pay Gap sei ein Mythos.
Die so tun, als wäre Altersarmut von Frauen eine persönliche Fehlentscheidung.
Die so tun, als wäre Gewalt gegen Frauen ein Randphänomen und hänge nur an der falschen Partnerwahl.
Die so tun, als wäre strukturelle Ungleichheit einfach nur eine Erzählung von Frauen, ein Narrativ.
Und sie investieren hier unheimlich viel Energie und Zeit. Jeder Gegenkommentar wird sofort beantwortet und irgendwann merkt man:
Es geht diesen Männern nicht um die Fakten.
Es ging ihnen von Anfang an nie um die Fakten.
Denn, die kann jede:r selbst nachgoogeln.
Es geht darum, anzuerkennen müssen, dass diese Wahrheit unbequem ist.
Denn, wenn ich als Mann anerkenne, dass Frauen strukturell benachteiligt werden, dann muss ich im Umkehrschluss auch anerkennen, dass ich als Mann diese Benachteiligung nicht in meinem Leben habe bzw. sogar davon profitiere.
Denn genau das meint der Satz: Ich bin privilegiert.
Dass mir als Mann bestimmte Erfahrungen, Diskriminierung, Abwertung, strukturelle Nachteile erspart bleiben.
Dass mein beruflicher Erfolg, mein Vermögensaufbau, mein gesellschaftlicher Status nicht nur individuelle Leistung sind, sondern auch von einem System begünstigt werden, das Frauen benachteiligt.
Genau das bedeutet der Satz: Ich bin privilegiert.
Und hier beginnt es unbequem zu werden, selbst für progressive Männer.
Denn Frauenrechte betreffen nicht „irgendwenn, irgendwo da draußen“, sondern ganz konkret: das eigene Wohnzimmer, den eigenen Freundeskreis, das eigene Verhalten, die eigenen Beziehungen, die eigene Machtposition.
Dh wir kommen hier an den Punkt, an dem auch progressive Männer merken, dass es sie fordert. Und es um ganz persönliche Konsequenzen geht.
Allgemeine Menschenrechte unterstützen ist leicht, solange die Kämpfe darum irgendwo anders stattfinden. In anderen Ländern und bei anderen Gruppen, in Themenfeldern, die nichts mit dem eigenen Alltag zu tun haben.
Aber hier geht es um den eigenen Vorteil als Mann, den ich reflektieren müsste.
Und genau da hört für viele die Unterstützung, die Solidarität auf.
Werden die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die Frauen unterstützen , plötzlich auch als Benachteiligung für den Mann gelesen.
Und oft ist aus den Kommentaren spürbar die Abwehr und Verleugnung von Fakten rauslesbar.
Frauenrechte werden plötzlich als „Partikularinteresse“ abgewertet
Ein häufiges Muster, das mir immer wieder auffällt zeigt sich in diesen Kommentaren:
„Ich bin für Gleichberechtigung, aber Feminismus geht mir hier zu weit. Und schadet doch dem eigentlichen Anliegen.“
„Das ist doch nur Identitätspolitik oder Lobbypolitik.“
„Man sollte Menschen nicht nach Gruppen trennen. Das spaltet nur unsere Gesellschaft.
Das ist eine klassische Strategie, um bestehende Ungleichheit zu konservieren.
Wer bestehendes Unrecht gegenüber den Frauen ignoriert und nur abstrakte Gleichheit fordert, verteidigt faktisch den eigenen Status quo.
Frauenrechte werden also anders bewertet und behandelt wie andere Menschenrechte.
Für viele diese Männer ist „Menschenrechte unterstützen“ scheinbar ein moralisches Selbstbild, aber kein gelebtes politisches Prinzip.
Solange es um politische Gefangene, Meinungsfreiheit, abstrakte Gleichheit, ferne Ungerechtigkeiten geht, ist Zustimmung leicht und kostet auch nichts.
Aber für Frauenrechte einstehen bedeuten konkret die Macht zu teilen, das eigene Verhalten als Mann zu ändern, berechtigte Kritik von Frauen, die seit Jahrhunderten um gleiche Rechte kämpfen (real und nicht nur auf dem Papier) auszuhalten.
Und der wohl härteste Teil für die Männer:
Ihre Privilegien real zu verlieren, denn das heißt es am Schluss, wenn die Waage für Männer und Frauen gleich viel anzeigen soll.
Dann muss auf der Seite der Männer ein Privileg weg und auf Seiten der Frau ein real gelebtes Recht dazu.
Und dazu muss man(n) eigene Strukturen hinterfragen.
Und genau da endet dann die Solidarität.
Aber das will man(n) nicht so offen zugeben.
Und darum werden Frauenprobleme zu persönlichen Problemen gemacht.
Im Gegensatz zu allen anderen Menschenrechtsproblemen, die sehr wohl auch von diesen Männern als politische Probleme benannt werden.
Denn Frauen werden oft nicht als politische Gruppe wahrgenommen.
Unbewusst denken viele immer noch:
Häusliche Gewalt: Beziehungsproblem, falsche Mannwahl der Frau
Care-Arbeit: private Entscheidung der Frau, kein Männerthema
Sexismus am Arbeitsplatz: Missverständnise zwischen den Geschlechtern, übertrieben, noch nie selbst gemacht oder andere Männer dabei erlebt
Reproduktive Rechte: kompliziertes moralisches Thema, aber Männer müssen immer mitreden und entscheiden
Dabei sind genau das klassische Menschenrechtsfragen:
körperliche Selbstbestimmung, ökonomische Gleichheit, Schutz vor Gewalt, politische Teilhabe.
Aber weil sie Frauen betreffen, werden sie systematisch entpolitisiert.
Ein unangenehmer, aber immer wieder nachlesbarer Punkt:
Viele Männer fühlen bei Themen wie Krieg, Folter, Rassismus, Umweltverbrechen echtes moralisches Entsetzen.
Und bei Gewalt gegen Frauen, sexueller Belästigung oder struktureller Diskriminierung aber deutlich weniger emotional.
Ich glaube nicht, weil sie schlechtere Menschen wie Frauen sind,
sondern weil sie in einer Kultur sozialisiert wurden, in der Frauenleid banalisiert und normalisiert wird. Und das Anerkennen der eigenen Verstrickung in diesem System schwer ist und meist auch als Schuld gelesen wird, statt als Verantwortung.
Aus meiner Erfahrung können Männer hier mit Kritik sehr schlecht umgehen, weil sie Kritik immer gleich als Angriff lesen.
Und sofort alle Verteidigungsmechanismen hochgefahren werden um das eigene Selbstbild zu schützen und dann der Frau nicht mehr zugehört wird.
Ihr Selbstbild lautet:
Ich bin reflektiert, ich bin daher nicht Teil des Problems und ganz wichtig,
ich gehöre zu den Guten.
Und je stärker dieses Selbstbild, desto bedrohlicher ist die Rückmeldung der Frauen: „Auch du bist Teil sexistischer Strukturen. Auch Du profitierst vom Ist-Zustand, von diesem Unrecht gegenüber Frauen.“
Deshalb reagieren gerade diese Männer oft besonders defensiv, besonders intellektualisierend, besonders abwertend gegenüber Feminismus.
Nicht trotz, sondern wegen ihres moralischen Anspruchs.
Für viele Männer ist der Einsatz für generelle Menschenrechte etwas, das sie moralisch gut aussehen lässt. Frauenrechte hingegen sind etwas, das sie persönlich herausfordert.
Und diese Herausforderung wollen viele nicht annehmen und daher
werden Frauenrechte kleingeredet, relativiert oder negiert.
Um das eigene Verhalten, nichts tun, nicht solidarisch sein, nichts dazu eigenständig zu posten wie bei anderen Menschenrechtsthemen, vor sich selbst zu rechtfertigen.
Warum ich diesen Text schreibe?
Weil mich diese Analysen oft auch traurig machen und ich weiß, dass ich dieses Gefühl mit vielen Frauen da draußen teile.
Die Traurigkeit, die viele Frauen beim Schreiben oder Lesen über diese Themen spüren, entsteht nicht nur aus der Ungerechtigkeit selbst, sondern auch aus der Erfahrung, mit dieser Realität immer wieder allein gelassen zu werden.
Die Traurigkeit entsteht aus einer Erfahrung von Nicht-Gesehen-Werden, von den Menschen, die mit uns in dieser Welt leben.
Viele Frauen machen seit ihrer Jugend über Jahre hinweg die Erfahrung, dass ihre Wahrnehmungen relativiert werden, ihre Erfahrungen angezweifelt werden, ihre Gefühle als „übertrieben“ abgetan und ihre Analysen als „ideologisch“ entwertet werden.
Und dennoch schreiben wir Frauen immer und wieder dagegen an.
Dh da lebt auch noch Hoffnung.
Hoffnung auf Beziehung, Hoffung auf die Bereitschaft von Männern zuzuhören, männliche Solidarität zu erleben.
Und Hoffnung ist ein Tunwort.
Und ich als Frau hoffe nicht darauf, weil ich blind optimistisch bin
sondern weil ich für mich selbst entschieden habe, mich selbst und die Erfahrungen der Frauen ernst zu nehmen, auch wenn andere es nicht tun.
Hoffnung heißt für mich trotzdem darüber sprechen, trotzdem darüber schreiben, trotzdem Grenzen ziehen und trotzdem Verbündete suchen.
Trotzdem nicht verstummen.
Und.
Trotzdem all das immer wieder benennen.
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