Weihnachten ist auch Carearbeit.
Ich denke gerade die Einkaufsliste für die Feiertage durch
und merke wieder einmal: Weihnachten ist ein Carearbeitsprojekt.
Und es wird von Frauen getragen.
Nicht nur aus Liebe.
Sondern aus Zuständigkeit.
Und je älter man wird, desto deutlicher zeigt sich das.
Denn wenn die weibliche Vorgängergeneration es nicht mehr leisten kann,
die Familie aber weiterhin „bei Oma“ feiern will, rutschen diese Feste einfach eine weibliche Generation nach unten.
Danke an meine Schwägerin, die das seit den letzten Jahren übernimmt.
Ich sehe, was tu tust.
Das hier ist kein Klagelied auf Weihnachten.
Ich mag Weihnachten.
Ich mag Weihnachten als Fest an dem alle zusammen kommen, die sonst über das Land verstreut sind.
Ich mag Weihnachten auch, weil sichtbar wird, wie sehr dieses Fest
über mütterliche Linien organisiert ist.
Die alten Frauen der Familie werden zum Angelpunkt, um den sich alle sammeln. Ohne sie gäbe es dieses Zusammentreffen mancher Verwandter
längst nicht mehr.
Aber es ist wichtig zu benennen, was an diesen Tagen auch passiert.
Denn damit Weihnachten am Ende ein schönes Familienfest wird,
stecken davor oft Wochen der Vorbereitung.
Und vor allem:
mental load.
Unsichtbare Arbeit.
Verantwortung.
Von Frauen.
Die unsichtbare Arbeit macht dabei den größten Teil der Belastung aus.
Denn vieles andere könnte man teilen, wenn man es denn überhaupt als Arbeit anerkennen würde:
Einkaufslisten für die Feiertage.
Geschenkideen für alle, plus Reservegeschenk, falls doch jemand vergessen wurde. Termine mit Eltern, Schwiegereltern, Kindern koordinieren.
An weitere Verwandte denken. Räume schmücken, damit es sich wie „Weihnachten anfühlt“.
All das ist Care- und Organisationsarbeit.
Und all das wird oft nicht als Arbeit wahrgenommen.
Studien zeigen:
Auch an Feiertagen übernehmen Frauen den Großteil der unbezahlten Sorge- und Hausarbeit, selbst dann, wenn sie voll erwerbstätig sind.
Was dabei besonders oft übersehen wird,ist die emotionale Arbeit.
Neben der praktischen Organisation tragen Frauen häufig die Verantwortung für Stimmung, Harmonie, Traditionen und Beziehungen.
„Alle sollen sich wohlfühlen.“
„Es soll schön sein.“
„Es darf kein Streit sein.“
Weihnachten ist in Familien stark ritualisiert.
Rituale geben Sicherheit.
Sie erzeugen Verbundenheit.
Und kulturell werden genau diese Rituale meist Frauen zugeschrieben,
während Männer sich gern über den „Dekowahn“ lustig machen
ohne sich für das Ergebnis verantwortlich zu fühlen.
Natürlich können Frauen sagen:
Ich mache das alles nicht mehr.
Wer das schon einmal versucht hat, weiß, wie sehr gerade auch erwachsene Kinder an diesen Ritualen hängen. Und man selbst ja auch ein bißchen.
Weihnachten ohne Raclette?
„Mama, das ist dann kein Weihnachten.“
Weihnachten ohne Baum?
„Da fehlt dann der Geruch nach Weihnachten.“
Weihnachten nicht drei Tage lang?
„Nein, das haben wir immer schon so gemacht bei Oma am Stefanstag gefeiert.“
Das Problem:
Viele Menschen gehen zu Weihnachten in Regression.
Kindheitserinnerungen sollen konserviert werden, indem die Rituale exakt gleich bleiben.
Das ist auch okay.
Aber die Frage bleibt:
Wer macht Weihnachten schön?
Darüber muss gesprochen werden.
Weibliche Erschöpfung muss thematisiert werden.
Unsichtbare Arbeit muss gesehen werden.
Verantwortung kann geteilt werden.
Perfektion darf entsorgt werden.
Traditionen können hinterfragt werden.
Aber ganz ehrlich?
Selbst das zu tun ist wieder Arbeit.
Denn auch das läuft meist wieder über Frauen.
Die erklären.
Die darüber sprechen.
Die erinnern.
Die delegieren sollen, aber eigentlich einfach Verantwortungsübernahme erwarten.
Die loslassen sollen, ohne dass jemand anderes übernimmt.
Und darum die Verantwortung weiter tragen.
Weil Weihnachten kann nicht einfach ausfallen.
Ich habe das als junge Frau mal probiert.
Den Schock meiner Kinder werde ich nicht mehr vergessen.
Seither haben wir vieles umgeordnet.
Der Schock meiner noch kleinen Kinder damals war real.
Sie waren entsetzt und verletzt.
Ich war einfach erschöpft.
Aber genau das hält das System zusammen.
Denn bevor Kinder verletzt werden, springt jemand ein.
Und das sind fast immer die Mütter.
Die Väter bleiben dabei unsichtbar.
Nicht, weil sie nicht da sind, sondern weil niemand von ihnen erwartet, ihre Kinder emotional davor zu bewahren.
Mütter, Frauen übernehmen Carearbeit ganz oft nicht aus Wahlfreiheit,
sondern aus Verantwortung.
So bleibt Weihnachten was es ist.
So bleibt auch diese Carearbeit weiblich.
So bleibt männliche emotionale Zurückhaltung oft im Schatten.
Und solange Kinder emotional absichern als mütterliche Aufgabe gilt,
kann Weihnachten nicht einfach ausfallen.
Also denkt daran, wenn sich ein Frau in eurem Umfeld traut ihre Erschöpfung in diesen Tagen zu zeigen.
„Dann lass es halt“ ist keine Lösung.
Wie immer ist es etwas komplexer.
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