Die neue Metastudie über „bedrohte Männlichkeit“ zeigt Altbekanntes.
Werden Männer in ihrer Männlichkeit verunsichert, reagieren manche mit Aggression, Abwertung und dem Wunsch nach autoritären Verhältnissen. Das erklärt einiges, aber nicht die Geschichte des Patriarchats.
Frauen wurden nicht erst diskriminiert, seit Männer sich verunsichert fühlten.
Frauen wurden über Jahrhunderte entrechtet, ausgeschlossen und bevormundet. Wer heute so tut, als sei die männliche Verunsicherung der Schlüssel zur Erklärung patriarchaler Verhältnisse, verwechselt aus meiner Sicht den Auslöser mit der Ursache.
Und ich finde es sehr ermüdend immer und immer wieder über die Verunsicherung der Männer zu lesen und wie scheinbar immer Gewalt die Antwort auf ihre Verunsicherung ist.
Der Feminismus hat jahrhundertelang genau daran gearbeitet, nicht an der Gewaltauslösung bei den Männern, denn das suggeriert so manche Studie immer wieder, sondern an der Bewegung in der Gesellschaft.
Denn wenn alle auf ihren festen fixierten Plätzen bleiben, passiert nun mal keine Veränderung.
Und Frauen haben eine Therapieregel sehr ernst genommen: man kann andere Menschen nicht verändern, aber man kann sich selbst, seine Reaktion auf Handlungen anderer verändern.
Und Frauen haben genau das getan.
Und dies aus der Position mit wenig Macht, haben Frauen sich auf den Weg gemacht und vieles für sich verändert. Sie haben die für sie vom Patriarchat gesetzten Grenzen einfach nicht mehr anerkannt und angefangen für ihre Rechte zu kämpfen.
Für Bildung, für das Recht auf Eigentum, für das Recht auf einen eigenen Beruf, für Schutz vor Ausbeutung und Gewalt, für die Selbstbestimmung über ihren Körper….
Die Frauenbewegungen warteten nicht darauf, dass Männer ihnen ihr ein neues Selbstverständnis schenkten. Sie organisierte sich, analysierte die eigenen Lebensrealitäten, stritten, widersprachen sich auch und entwickelten neue Bilder davon, was ein selbstbestimmtes Leben sein kann.
Niemand hat Frauen emanzipiert.
Frauen haben sich selbst emanzipiert.
Und genau deshalb finde ich diese heutigen Debatten über verunsicherte Männer immer ermüdender.
Kaum werden von Frauen und von der Gesellschaft die problematischen Männlichkeitsbildern benannt und aufgezeigt, kreist die Diskussion schon wieder darum, was Männer verunsichert, wer sie auffangen muss und welche gesellschaftlichen Bedingungen sie zu ihrem Verhalten veranlasst haben könnte.
So als läge die Lösung für die Veränderung der Männer zu einem sozial kompatiblen Männlichkeitsbild erneut außerhalb ihrer selbst.
Aber Emanzipation funktioniert nicht so.
Sie beginnt dort, wo Menschen aufhören, die Verantwortung für ihre Entwicklung an andere zu delegieren und sie beginnt mit der Bereitschaft, sich selbst zu verändern.
Wenn Männer unter engen Männlichkeitsnormen leiden, dann ist das ein ernstes Problem.
Aber es ist in erster Linie ihre Aufgabe, sich daraus zu befreien.
Es ist nicht die Aufgabe der Frauen.
Es ist nicht die Aufgabe des Feminismus.
Was mich an dieser Schleifendiskussion immer wieder so zornig macht:
NEIN, es ist ganz ganz sicher nicht die Aufgabe derjenigen, die unter den Folgen dieser Normen seit Generationen leiden, die davon profitierten nun auch noch zu supporten.
Frauen haben noch immer genug zu tun, sich selbst vom verinnerlichten Patriarchat zu befreien, leiden auch heute noch vielfältig an generativen Traumata.
Frauen wie in Afghanistan haben noch genug zu tun für ein freies selbstbestimmtes Leben zu kämpfen, für überhaupt ein menschlich würdiges Leben zu kämpfen.
Und auch Frauen in Österreich haben noch genug zu tun zBsp den Männeranteil der Carearbeit wieder zurück zu schieben, für Lohntransparenz zu kämpfen, für die Selbstbestimmheit über ihren Körper und eine entsprechend finanziell leistbare medizinische Versorgung, für ein Leben ohne Partnerschaftsgewalt, für ein Leben ohne Armut aufgrund von Mutterschaft,…
Der Feminismus hat gezeigt, dass Freiheit nicht dadurch entsteht, dass andere einem ein neues Selbstbild liefern.
Freiheit entsteht nur dann, wenn Menschen den Mut haben, ihre eigenen oder die von außen aufgedrückten Rollen infrage zu stellen und Verantwortung für ihre Entwicklung zu übernehmen.
Wahrscheinlich ist genau das der eigentliche Diskussionspunkt, der die Männer noch so wütend macht.
Die eigentliche Zumutung der Gleichberechtigung bedeutet nämlich sich selbst zu entwickeln.
Gleichberechtigung von Frauen nimmt Männern nichts weg.
Sie nimmt ihnen aber die Möglichkeit, die Arbeit an sich selbst weiterhin dauerhaft an Frauen auszulagern.
Unterstützung durch eine offene Gesellschaft, durch Bildung oder durch vielfältige Vorbilder ist sinnvoll. Aber sie ersetzt nicht die eigene Arbeit an der eigenen Entwicklung. Selbstentwicklung kann nicht delegiert werden, dies wird jede Therapeut:in unterschreiben.
Und die Selbstentwicklung von sozial kompatiblen Männlichkeitsbildern ist kein Service, den die Politik, die Wissenschaft oder die Frauen für die Männer übernehmen können.
Die eigene Emanzipation ist keine Fürsorgeleistung anderer, sie keine Carearbeit anderer.
Sie ist Eigenarbeit, sie ist care für sich selbst.
Und wer als Mann Gleichberechtigung als Bedrohung erlebt, muss sich nicht wieder zuerst von der Gesellschaft beruhigen lassen.
Er muss sich selbst fragen, warum sein Selbstwert immer noch so eng an ein Rollenbild geknüpft ist, das schon längst Risse in unserer Gesellschaft bekommen hat.
Die eigene Selbstentwicklung kann nicht delegiert werden.
Das gilt auch für die männliche Selbstentwicklung.
Veränderung entsteht dadurch, dass Menschen bereit sind, sich selbst zu verändern mit all der Unsicherheit, die auf diesem Weg dazugehört.
Diese Zumutung galt nicht nur für Frauen.
Sie gilt auch für Männer.
Und ja, ich mute sie ihnen zu.
Auszug aus dem Bericht der taz
„In einer Metastudie, die kürzlich in der Fachzeitschrift Personality and Social Psychology Review erschien, sichtete ein Forschungsteam der Universitäten Kaiserslautern-Landau und Kassel 123 experimentelle Studien, in denen die knapp 20.000 Teilnehmer auf verschiedene Arten und Weisen in ihrer Männlichkeit verunsichert wurden. Zum Beispiel sollten in einem der Experimente die Teilnehmer von ihren Interessen oder Verhaltensweisen erzählen. Daraufhin sagte man ihnen, das sei nicht männlich genug. In einer anderen Studie sollten die Männer stereotypisch weibliche Dinge tun und sich die Nägel lackieren oder einer Puppe Zöpfe flechten.“
Danach beobachteten die Forscher*innen, wie solche Momente verunsicherter Männlichkeit das Verhalten verändert – oft im Vergleich zu Teilnehmern verändert, deren Männlichkeit nicht infrage gestellt worden war. Dafür ließen sie die Teilnehmer je nach Experiment zum Beispiel über ihre Gefühle sprechen, auf Boxsäcke boxen oder beobachteten sie in Gruppen. Verunsicherte Männer reagierten sehr emotional, äußerten Ärger, Angst und Unwohlsein und wurden aggressiv.“
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